ZLATKO TOPCIC: I DON’T LIKE MONDAYS

Projektbeschreibung

Manchmal denke ich, ich werde verrückt. Ich laufe umher, sammle Stücke von mir ein, finde da ein Bein, dort einen Arm, oh das ist ja prima, und hier liegt auch mein verrückter Kopf. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ein Stück von mir finde. Dann klebe ich alles zusammen. Eine Zeit lang hält das, ich bin schon beruhigt, denke, alles ist in Ordnung, aber dann falle ich wieder auseinander und fange wieder von neuem an, setzte die Teile zusammen wie ein Puzzle, bis mich wieder etwas aus der Bahn wirft.“

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Was Dubravka Ugresic eine ihrer Protagonistinnen in dem Roman „Das Ministerium der Schmerzen“ sagen lässt, gleicht einer ziemlich genauen Beschreibung der Dramaturgie von Zlatko Topčićs Stück „I don’t like Mondays“: Die (in ihren Zeitsprüngen keinesfalls naturalistische) Szenenabfolge wirft Schlaglichter auf unterschiedliche Teile eines Volks, die eine gemeinsame traumatische Erfahrung verbindet: Krieg. Alles in allem ergibt möglicherweise einen Körper, den einer Gesellschaft. Und dennoch sind diese Szenen ebenso wie die handelnden Figuren Bestandsaufnahmen, die zusammengesetzt nur flüchtig wirken, um gleich wieder zu zerfallen und in Frage gestellt werden müssen. Eben so lange, bis einen „wieder etwas aus der Bahn wirft“. Oder wie Samuel Beckett sagt: „Alles seit je. / Nie was anderes. / Immer versucht. / Immer gescheitert. / Einerlei. / Wieder versuchen. / Wieder scheitern. / Besser scheitern.”

Papke’s Inszenierung nähert sich dieser aus den Fugen geratenen Welt voll Humor. Lachen als Beitrag zur Ausbildung des Lebenswillens. Doch dem Lachen sind angesichts des Unmaßes von archaischer Gewalt in dieser Welt Grenzen gesetzt. Der Regisseur macht daher das Theater selbst zum Gegenstand des Theaters und lässt das gesamte Ensemble von Anfang an auf der Bühne campieren. In seiner Version der Geschichte hält der Krieg noch an, doch das Theater wird beheizt, die Menschen finden hier Zuflucht, die Kunst ein sicherer Hafen, die Bühne ein Ankerplatz. Die Akteure vertreiben sich die Zeit damit, das zu tun, was sie am Besten können, Theater spielen. Sie erzählen die eigentliche Geschichte mit den kärglichen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Papke erziehlt damit die notwendige poetische Distanz, um eine angemessene Realisierung des zu erzählenden Materials zu ermöglichen. Die eigentliche Überwindung der grauenvollen Realität gelingt, wenn überhaupt, nur durch die Befreiungstat des Geistes, und gelingt sie auch nur als „Spiel“ auf der Bühne, so aber mit einem Blick in die hoffnungsvolle Zukunft der Freiheit, die nicht Utopie bleiben muß.

Uraufführung: 17. Oktober 2009,

Koproduktion des Internationalen Theaterfestival MESS und Kamerni 55 Theater.

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Projektdetails

  • Klient: MESS Festival und Karmerni 55 Theater, Sarajevo
  • Aufgaben: Regie
  • Mit: Semir Krivić, Zana Marjanović, Rade Čolović, Mehmed Porča, Muhamed Hadžović, Mirvad Kurić, Sabina Bambur, Lana Stanišić, Vedran Đekić, Gordana Boban, Senad Alihodžić und Gästen. Alois Gallé (Ausstattung), Gerald Bauer (Dramaturgie), Georg Luksch (Musik)